Gibt es eigentlich Jobs, die für Menschen mit Migräne am besten geeignet sind, wurde ich letztens gefragt. Gibt es Migräniker-Traumjobs?
Dafür würde sprechen, dass es Arbeitsstellen gibt, die weniger Reize bieten als andere und so theoretisch passender für ein sensitives Migränehirn sein könnten. Da die Filterfunktion des Hirns gestört ist, werden viel mehr Reize aufgenommen als dies bei einem gewöhnlichen Gehirn der Fall ist.
Büro-Probleme
Dementsprechend müsste das Arbeiten im Großraumbüro schon mal die Traumjob-Latte reißen. Denn diese Art des Arbeitens stellt ein enormes Problem für viele Menschen mit Migräne dar. Der Lautstärke-Pegel ist meist sehr hoch und Abgrenzung fällt in jeglicher Hinsicht schwer. Ein Einzelbüro dagegen bietet einen gewissen Schutz vor übermäßigen Reizen. Hier kann der Arbeitnehmer selbst entscheiden, welche Lichtquelle gerade die Richtige für ihn ist, ob die Tür geöffnet oder geschlossen ist oder Musik läuft. Das hätte dann schon eher das Zeug zum Traumjob.
Leider können Sie sich als Angestellte zumeist nicht frei die Art des Büros aussuchen, die Ihnen guttut. Als Selbstständige sieht das natürlich anders aus, denn hier können Sie schalten und walten wie Sie möchten. Die Ausweich-Variante Home-Office schafft für viele Angestellte ebenfalls diese Möglichkeit. Diese setzt allerdings voraus, dass der Arbeitgeber dem zustimmt und sich Ihr Büro zuhause so reizarm gestaltet, wie Sie das benötigen….
Reise-Dramen
Ebenso problematisch ist für viele Migräniker aber auch eine vermehrte Reisetätigkeit. Gehen wir also allein von der Reizmenge aus, müsste auch dies ein K.O.-Kriterium für einen Migräniker-Traumjob darstellen. Reisen kann bereits Pendeln zum Arbeitsplatz einschließen. Sich jeden Morgen erst einmal durch den Stau zur Arbeitsstätte vorzuarbeiten, bedeutet für viele Menschen mit Migräne auch: Schon angestrengt und mit einem bereits reizgefüllten Hirn beim Job anzukommen. Dienstreisen stellen dementsprechend oft eine wahre Reizlawine für Betroffene dar: Anreise, Hotel, neue Location, Kundenkontakte, Abreise, und dann noch super performen müssen. Flappsig formuliert: Diese Reizemenge muss ein Migränehirn erstmal wegarbeiten.
Nun könnte man also schließen: Einzelbüro, Homeoffice, wenig Reisen – und fertig ist der Migräniker-Traumjob?
Das wäre zu schön und würde vermutlich sogar funktionieren, wenn eine Arbeitsstelle sich allein aus den richtigen Arbeitsbedingungen zusammensetzen würde. Dann könnten Sie wunderbar die Regel anwenden „wenig Reize gleich guter Job“. Das ist aber nicht der Fall.
Ihr Job ist mehr als nur die Summe seiner Reize
Bei jedem Job stehen sich Ihre Arbeitsbedingungen und Ihre Arbeitsinhalte gegenüber. Zu Arbeitsbedingungen lassen sich z.b. Ihr Gehalt, Ihr Arbeitsort, Arbeitszeiten aber auch Ihre Kollegen zählen. Es geht also mehr um das „drumherum“ als das „was“. Dies finden wir dagegen bei den Arbeitsinhalten. Hier können Sie Ihr Wissen einbringen und am Ende für tolle Ergebnisse sorgen. Aber auch wieviel Sinnhaftigkeit Sie aus Ihrer Beschäftigung ziehen, finden Sie in diesem Bereich. Und nicht zu vergessen, Ihre Werte. Die Inhalte Ihrer Arbeit stimmen bestenfalls mit Ihrem moralischem Kompass überein.

Idealerweise sind Sie mit den Inhalten und den Bedingungen möglichst zufrieden und gehen gerne zur Arbeit.
Überwiegen schwierige Arbeitsbedingungen, die sich gegen die eigenen Bedürfnisse richten, kann das meiner Erfahrung nach dramatische Auswirkungen auf Ihre Migräne haben und in direktem Kontext mit vermehrten Attacken stehen. Wenn sich die Arbeitsbedingungen jedoch anpassen lassen (und das ist häufiger der Fall als Sie vielleicht annehmen), sinkt die Attackenanzahl oft wieder.
Die Kraft der Inhalte
Dies gestaltet sich bei den Arbeitsinhalten häufig wesentlich schwieriger. Die Kraft der Inhalte wird von vielen Menschen unterschätzt. Sie suchen ihren Job vermehrt nach Aspekten wie Sicherheit, Gehalt oder Arbeitszeiten aus. Das ist völlig logisch. Wie sollen Sie z.B. als Eltern auch Ihre Arbeitszeiten unabhängig von den Kita-Zeiten Ihres Nachwuchs ausrichten? Damit verschiebt sich gezwungenermaßen aber die Balance. Statt auf Arbeitsinhalten und Arbeitsbedingungen liegt der Fokus auf den Bedingungen. Dies hat zur Konsequenz, dass Schwankungen in diesem Bereich schnell extrem problematisch werden können. Die fehlenden Inhalte können diese nicht ausbalancieren.
Stimmen die Arbeitsinhalte hingegen, lassen sich auch als Migräniker schlechte Bedingungen leichter auspegeln. Und das trotz hohem Reiz-Niveau. So habe ich Klienten, die unter äußerst schwierigen Bedingungen arbeiten. Ich betreue u.a.
– Klienten, die hochfunktional im Schichtdienst arbeiten (z.b. Ärzte, Rettungssanitäter, Polizisten)
– Klienten, die täglich enormem, psychischen Leistungsdruck ausgesetzt sind (z.B. Menschen in kreativen Jobs, Journalisten)
– Klienten in höchst reizstarken Umfeldern (wie z.b. Lehrer, Facharbeiter)
Die Arbeitsbedingungen in diesen Jobs sind teils katastrophal und stehen im direkten Gegensatz zu dem, was ein Migränehirn bestenfalls benötigt. Aber hier sind es die Arbeitsinhalte, die dafür sorgen, dass diese Menschen ihren Job lieben. Und diese wertvollen Arbeitsinhalte balancieren für sie die erschwerten Bedingungen aus. Teils haben sie sogar weniger Attacken zu verzeichnen als Klienten mit reizärmeren Jobs, denen aber z.b. die Inhalte weniger Freude bereiten. Erst wenn die schwierigen Arbeitsbedingungen die positiven, inhaltlichen Effekte bei Weitem übersteigen, beginnt das gesamte Konstrukt zu schwanken.
Überdurchschnittlich häufig kommen Menschen mit Migräne auch zu mir, weil Ihnen die Sinnhaftigkeit oder die Wertschätzung Ihres Arbeitgebers fehlt. Und damit sind sie nicht alleine. Studien belegen, dass fehlende Wertschätzung enorme Auswirkungen auf die Arbeitszufriedenheit von Mitarbeitern hat – und auch auf die Krankheitstage. Rücken- und Gelenkschmerzen, aber auch Kopfschmerzen kommen wesentlich häufiger vor, wenn es z.B. Dauerstress mit dem Vorgesetzten gibt.
Besser grau als schwarz-weiß
Berufe lassen sich nicht einfach in reizarm = gut und reizstark = schlecht unterteilen. Es gibt kein allgemeingültiges „schwarz-weiß“-Konzept für den richtigen Job für Menschen mit Migräne. Dafür unterscheiden Sie sich nicht nur als Persönlichkeit mit Ihren Bedürfnissen und Interessen viel zu sehr von anderen, auch die Migräne ist als multifaktorielle Erkrankung nicht nur allein aus Job-Sicht zu betrachten.
Ich biete genau deshalb extra ganzheitliche Job-Coachings für Menschen mit Migräne an, die häufig sogar vom Arbeitgeber getragen werden. Es kommt darauf an, die richtige Graustufe für Sie ganz persönlich zu finden, damit sich Ihre Arbeitsinhalte und die Arbeitsbedingungen wieder möglichst optimal ausbalancieren – und dies als Gesamtkonzept mit Ihrem Privatleben zusammenpasst. Aber der Impact des Privatlebens auf Ihre Migräne ist ein Thema für einen anderen Blogartikel 😉